16.03.2010 | Gütekraftberichte
Kein Lohn für die Arbeiter? (Brasilien 1962)

In Perus, einem Vorort von São Paulo in Brasilien, werden den Arbeitern eines Zementwerks monatelang Lohn und soziale Leistungen vorenthalten. Der Kampf für ihre Rechte gegen den reichen und politisch einflussreichen Unternehmer mündet 1962 nach vergeblichen anderen Bemühungen in einen Streik. Es folgen öffentliche Herabwürdigung, Verleumdung, öffentlicher Druck, Bestechung von Richtern in Gerichtsverfahren bei immer höheren Instanzen, persönliche Bedrohung des Rechtsanwalts durch den Unternehmer mit der Pistole und, …

… nach dem positiven Richterspruch, die widerrechtliche Einstellung von Streikbrechern. Kurzum, die Arbeiter und ihre gewerkschaftlichen Führer werden mit harten Kampfmaßnahmen konfrontiert. Dennoch dauert der Streik an. Die Streikenden hungern. Gewaltmaßnahmen werden von den Arbeitern diskutiert, doch der Jurist, der die Gewerkschaftsgruppe 1954 gründete und noch betreut, Dr. Mario Carvalho de Jesus, überzeugt sie, davon Abstand zu nehmen. Er appelliert an ihre Vernunft: Gewalt würde der Gegenseite die willkommene Rechtfertigung dafür liefern, ihrerseits zu offener Gewalt zu greifen. Mehr noch aber beschwört er den Glauben an „die unbesiegbare Kraft der göttlichen Liebe“ und die Hoffnung auf das Erreichen des großen Ziels, „den Arbeiter Brasiliens aus seiner unwürdigen Situation zu befreien“ – ein Ziel, das der großen Opfer wert sei. Derweil bitten H. Goss-Mayr und J. Goss die Katholische Arbeiterbewegung in Europa um Unterstützung, und vor Ort gelingt es, Arbeiter aus anderen Fabriken São Paulos zur Solidarisierung zu bewegen und streikende Familien mitzuernähren. Durch beharrliche Gespräche wird die öffentliche Meinung gewonnen, auch wichtige kirchliche Stimmen: 37 Bischöfe unterstützen die Ziele der Arbeiter. Das veranlasst den Unternehmer, die Taktik zu wechseln. Er heuert durch Überbezahlung andere Arbeiter an. Als diese Streikbrecher die LKWs mit Zement ausfahren wollen, blockieren die Streikenden den Fahrweg, indem sie sich auf die Straße legen. In dieser Situation stellt sich überraschend die Polizei auf die Seite der Streikpartei. Auch die Presse ändert ihre Position und berichtet wahrheitsgemäß. Der endgültige Durchbruch ist erreicht, und im fünften Prozess bekommen die Arbeiter endlich ihr Recht. Fünf Jahre hat der Kampf gedauert. Aber er hat sich gelohnt. Der Sieg wird zum Signal für die Arbeiterbewegung in ganz Brasilien.
„‚Perus’ wurde zum Modellfall. Langsam wuchs das Bewusstsein der Arbeiterklasse. Doch erst Anfang der achtziger Jahre kam es zu großen Streikbewegungen, die mehrere Hunderttausende einten. Während dieses Kampfes feierte Kardinal Arns, inzwischen Erzbischof von São Paulo, Gottesdienst inmitten der Streikenden und trug dazu bei, dass diese große Arbeitererhebung mit friedlichen Mitteln ausgetragen wurde.“
(nach: Hildegard Goss-Mayr: Wie Feinde Freunde werden. 1996, S. 155. und: Hildegard Goss-Mayr: Eine gewaltlose Revolution. In: Concilium Internationale Zeitschrift für Theologie, Jg. 4, 1968, H. 5, S. 394–401)

Eingetragen am 16.03.2010 von Martin Arnold


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