08.04.2010 | Gütekraftberichte
Die Frauen von Medellin: Trinkwasser für das Barrio

Die kolumbianische Stadt Medellin liegt in einem Tal: die moderne Großstadt unten in der Talsohle, an den Hängen ziehen sich die Elendsviertel (Barrios) hinauf. In den 1960er Jahren lebten dort in einem sehr großen Barrio etwa 30 000 Menschen unter katastrophalen Bedingungen: Sie hatten weder Strom noch Straßen und, was neben der Arbeitslosigkeit das Schlimmste war, es gab keine Trinkwasserversorgung. Das führte u. a. zu hoher Kindersterblichkeit.

Die Bewohnerinnen mussten sich das Wasser unten im Tal an Zapfstellen holen und es dann zwei Kilometer den Berg hinaufschleppen. Außerdem mussten sie auch noch dafür bezahlen.

In diesem Barrio baute ein Priester Basisgemeinden auf. Die Menschen lasen gemeinsam in der Bibel und entdeckten, dass sie Würde und Rechte besaßen. Sie lernten, dass sie ihre Situation nicht einfach hinnehmen müssten, sondern dass es eine Möglichkeit gab, das Unrecht nicht mit neuem Unrecht, sondern aus der Kraft, die Gottes Frohe Botschaft schenkt, also aus der Liebe, der Gerechtigkeit, der Wahrheit, zu überwinden. Ein Gütekraft-Seminar stärkte sie und zeigte ihnen methodische Möglichkeiten, ihre neu entdeckte Kraft anzuwenden. Eine Gruppe von Frauen beschloss daraufhin, sich zunächst für die Trinkwasserversorgung einzusetzen.

Zuerst versuchten sie es mit einem Dialog. Medellin ist eine reiche Stadt von mehr als einer Million Einwohnern. Es gelang den Frauen, zur Stadtverwaltung vorzudringen, um dort ihr Problem vorzutragen. Sie baten darum, dem Barrio Trinkwasser zuzuleiten. Die Antwort war: Zurzeit gebe es kein Geld dafür, aber in ein paar Monaten werde man mit ihnen über das Projekt sprechen, sie sollten nur ruhig wieder nach Hause gehen. Die Frauen gingen wieder nach Hause und warteten, aber nichts geschah.

Sie erkannten, dass das an dem Missverhältnis der Machtverteilung zwischen ein paar armen Frauen und der Stadtverwaltung lag. Um als Verhandlungspartner mehr Gewicht zu bekommen, wollten sie ihre Machtstellung dadurch verbessern, dass sie einflussreiche Gruppen zur Solidarität einluden. Wen könnten sie am ehesten ansprechen und für sich gewinnen? Sie setzten auf die wohlhabenden Frauen unten in der Stadt. Diese Frauen würden sich vermutlich für sie einsetzten, wenn sie von der Situation der armen Frauen erführen.

Die Frauen aus dem Barrio bildeten zehn Gruppen. An einem festgesetzten Tag stiegen sie, jede mit ihrem jüngsten Kind auf dem Arm, hinunter zur Plaza, dem schönen, alten Platz mitten in der Stadt, der von Boutiquen umgeben ist, in denen die gut Situierten einkaufen. In der Mitte der Plaza steht ein großer Springbrunnen, aus dem Tag und Nacht Wasser fließt. Der Wind trägt Wasser über den Rand des Brunnens hinaus, sodass um ihn herum Pfützen auf dem Pflaster entstehen. Die erste Gruppe nähert sich dem Brunnen. Die Frauen fangen an, ihre Kinder zu waschen, aber nicht etwa in dem Brunnen, sondern in den Pfützen. Gleich bleiben wohlhabende Frauen stehen und sagen: „Ihr seid verrückt, ihr seid dumm! Wie könnt ihr eure Kinder in dem schmutzigen Wasser waschen? Sie werden daran sterben!“ Das ist die Gelegenheit! Die armen Frauen können den reichen Frauen von ihrem Leid erzählen! Sie sagen: „Dies ist ein Symbol. Wir leben da oben in dem Barrio, da gibt es zwar Regenwasser, aber kein Trinkwasser. Wir haben die Stadtverwaltung gebeten, aber sie hat sich bisher nicht um eine Trinkwasserleitung für uns gekümmert.“ Kaum hat das Gespräch begonnen, da verjagen Polizisten die armen Frauen: „Hier werden keine Kinder gewaschen!“ Nach zehn Minuten kommt die zweite Gruppe. Die Szene wiederholt sich fünf oder sechs Mal: Immer wieder kommt eine neue Gruppe, immer mehr Polizei kommt hinzu und immer mehr Frauen bleiben stehen. Als ein Polizist eine der armen Frauen und ihr Kind mit dem Knüppel schlägt, tritt eine wohlhabende Frau dazwischen: „Mein Herr, wenn Ihre Frau in der Situation wäre, würde sie dasselbe tun!“ Das wirkt. Schließlich bilden arme und wohlhabende Frauen zusammen eine kleine Gruppe, die sich einige Male trifft. Nach wenigen Wochen sind sie gemeinsam bei der Stadtverwaltung, es kommt zu einem Gespräch. Die armen Frauen haben inzwischen auch ihre Männer dafür gewonnen, sich aktiv für ihre Versorgung mit Trinkwasser einzusetzen: Sie erklären sich bereit, die Gräben für die Wasserleitung auszuheben, um die Kosten der Stadtverwaltung zu senken.

Die Wasserleitung wurde gebaut.

Ein Stein oben am Hügel erinnert an das Ereignis. Die Inschrift lautet: „Zu Ehren der Frauen vom Barrio Santo Domingo, die den Mut hatten, für die Wasserleitung zu kämpfen“. Aus dieser ersten Erfahrung der Frauen mit der Kraft, die in ihnen liegt, entstanden weitere Initiativen. Als der Priester (aufgrund einer Anzeige) versetzt wurde, waren die Armen im Barrio in der Lage, selbstständig weiterzuarbeiten.

(Nach: Hildegard Goss-Mayr: Elemente der Gütekraft. An Hand von Beispielen erklärt. In: gewaltfreie aktion, Jg. 34, 2002, H. 131, S. 17f.)

Eingetragen am 08.04.2010 von Martin Arnold


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