15.02.2010 | Gütekraftberichte
Crateus 1981: Fasten öffnet Hungernden Herzen und Türen

Der Nordosten Brasiliens, der von 30 Millionen Menschen bewohnt ist, wurde während der letzten Jahre wiederholt von schweren Dürrekatastrophen heimgesucht. Unter dem Druck der Notlage strömte die Landbevölkerung zu Tausenden in die Städte, wo die Hungernden manchmal Lagerhäuser plünderten. Auch in der Stadt Crateus (100000 Einwohner), im Bundesstaat Ceará, hatte sich Anfang März 1981 die Lage bedrohlich verschlechtert. Tausende Hungernder wanderten zur Stadt, die Bevölkerung verriegelte aus Angst vor Überfällen Geschäfte und Haustüren. Die Stadtverwaltung schuf ein "Komitee zur Verteidigung der Bürger", dem sich jedoch die Diözese nicht anschloss. Bewaffnete Polizei begann, die Hungernden durch Schüsse zu vertreiben.

In dieser Situation der Angst und Gewalt - vielleicht ein winziger Ausschnitt aus dem, was uns in den Industriestaaten bevorsteht - versammelte sich der Diözesanrat. Padre Alfredo Kunz, seit Jahren Mitarbeiter der gewaltfreien Bewegung, bekannt für sein Engagement aufseiten der Armen, beschloss, mit Unterstützung des Bischofs und des Diözesanrates, neun Tage zu fasten, um die Dämonen des Geldes, der Lüge und der Angst auszutreiben: den Dämon des Geldes – wir müssen, so sagte er den Stadtbewohnern, den Hunger gerechter aufteilen, Buße tun, unseren Egoismus ablegen, dann können alle leben; den Dämon der Lüge - die Hungernden sind keine Subversiven und Banditen, sie sind unsere Brüder; sie haben Anspruch auf Arbeit und Nahrung; die Regierung, die die reichen Gegenden Brasiliens bevorzugt, in dem Dürregebiet jedoch keine Strukturverbesserungen durchführt, trägt die Verantwortung für diese Situation; und den Dämon der Angst - wenn wir unsere Herzen und Türen zum Teilen öffnen, dann werden die Armen unsere Brüder.
In der verfallenen Kirche San Francisco beginnt P. Alfredinho das Fasten am 8. März mit 12 Personen; am dritten Tag fasten bereits 500 Menschen mit ihm. Die Kirche steht den Hungernden offen, dort erhalten sie einen Becher Wasser, dort ist Schatten und dort werden sie brüderlich angenommen. Am zweiten Tag verteilt das fastende Team 4000 grüne Zettel mit der Aufschrift: Offene Tür für Hungernde. Es fordert alle Bewohner der Stadt auf, diese Zettel an ihren Geschäften und Haustüren anzubringen und die Hungernden aufzunehmen. Mehrere Tausend folgen der Einladung; in erster Linie Arme, die nicht mehr als ein Glas Wasser anzubieten haben; aber auch die Mittelschicht öffnet sich Schritt für Schritt. Die vorhandenen Lebensmittel werden geteilt. Die Atmosphäre ist völlig verändert, die Angst verschwindet. Die Waffen werden aus den Händen gelegt, sie sind unnütz; die Gewissen und Herzen öffnen sich. Am fünften Tag beginnt Regen zu fallen. Der Schlussgottesdienst am 9. Tag des Fastens wird zu einem Fest der Auferstehung, gefeiert von vielen tausend Menschen, Armen und Reichen.
Gleichzeitig macht eine Gruppe von Vertretern der Bauerngewerkschaft und Basisgemeinden (alles einfache, arme Leute) in 90 Orten eine Untersuchung über die Situation der Bevölkerung, verfasst einen Bericht darüber und sendet diesen, verbunden mit Forderungen und Lösungsvorschlägen des Volkes, an die Regierung, an Politiker, Gewerkschafter und Kirchenführer. Sie verlangen in erster Linie bezahlte Arbeitsdienste, durch die die Bevölkerung selbst jene Grundstruktur an Straßen, Brunnen, Bewässerungsanlagen, Schulen, Häusern usf. errichten will, die Voraussetzung für ein Leben in Würde und Gerechtigkeit sind. Diese ungeheure Anstrengung hat zur Folge, dass die Regierung verspricht, Arbeitsdienste mit 100 000 Arbeitsplätzen in der Gegend zu schaffen.

Aus: Hildegard Goss-Mayr: Zum Frieden erziehen. In: Deutscher Evangelischer Kirchentag Hamburg 1981 – Dokumente. S. 300-301

Eingetragen am 15.02.2010 von Martin Arnold


Zurück Artikel Drucken nach Oben

Zurück zur Startseite

© 2002-2005 Arbeitsgruppe Gütekraft & Martin Arnold | Kontakt
Layout: Norbert Zingel | Netzweber: Dirk Grützmacher | Login