15.09.2008 | Gütekraftberichte
Norwegen 1942: ”Ihr Lehrer habt mir alles verdorben!”

Der Widerstand norwegischer Lehrer gegen die Naziherrschaft

Norwegen wurde im April 1940 von den Deutschen besetzt. Die Deutschen ernannten den pro-deutschen Norweger Vidkun Quisling zum neuen Regierungschef. Als die Deutschen die Gesetze nach NS-Grundsätzen umformen wollten, traten sämtliche Mitglieder des Obersten Gerichtshofes zurück. Eine Untergrundzeitung wurde in den fünf Jahren der deutschen Besatzung aufrechterhalten.
- Im Februar 1942 machte Quisling den Versuch, einen korporativen Staat nach faschistischem Muster zu gründen. Er begann bei der Lehrerschaft. Nach Aufhebung der ehemaligen Lehrerorganisation wurde eine neue mit dem Chef der Quislingschen Geheimpolizei an der Spitze gegründet.


Eine von den Gewerkschaften nach der Besetzung gebildete, geheime Lehrerorganisation schlug den Lehrern – die meisten von ihnen waren gewerkschaftlich organisiert – vor, sich in vier Punkten zu widersetzen. Am 20. Februar 1942 sandten etwa 9000 der 12000 norwegischen Lehrer eine handschriftliche Erklärung an das Unterrichtsministerium, die folgendem Wortlaut hatte: „Ich erkläre, dass ich die Jugend Norwegens nicht nach den Richtlinien der Nasjonal Samling unterrichten kann, da ich dies mit meinem Gewissen nicht vereinbaren kann. Die Mitgliedschaft in dieser Organisation würde mich zwingen, auch andere Handlungen zu begehen, die im Widerspruch zu den Pflichten meines Berufes stehen. Ich sehe mich daher gezwungen zu erklären, dass es mir nicht möglich ist, mich als Mitglied der neuen Lehrerorganisation zu betrachten.“

Am 25. Februar gab die Regierung Quisling bekannt, dass die Proteste der Lehrer als offizielle Amtsniederlegung angesehen und dass die Lehrer, wenn sie darauf beharrten, entlassen würden; das Unterrichtsministerium schloss unter dem Vorwand der Kohlenknappheit alle Schulen. Aus allen Teilen des Landes wurde daraufhin Heizmaterial angeboten, um den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten. Die offiziellen, zensierten, Zeitungen erwähnten nichts von dem Widerstand der Lehrer, aber die „Kohlenferien“ verbreiteten die Nachricht überall. Das Unterrichtsministerium setzte eine Frist bis zum 15. März: Lehrern, die sich danach den Anordnungen der Regierung widersetzen würden, wurde mit dem Verlust ihrer Anstellung, ihres Gehaltes und ihrer Pension gedroht. Zehntausende, nahezu zehn Prozent aller Eltern Norwegens, protestierten dagegen schriftlich bei der Regierung.
Die Lehrer blieben hart. Nicht einer gab nach. Ab dem 20. März wurden Hunderte von Lehrern willkürlich herausgegriffen und verhaftet. Bei den Ostergottesdiensten verurteilten die Geistlichen diese Verhaftungen. Die Lehrer wurden in ein Konzentrationslager gebracht. Von einer nicht bekannt gegebenen Quelle - nicht von der Regierung - erhielten deren Familien den Gegenwert ihrer Gehälter für die ganze Dauer ihrer Internierung. Im Lager erließ die Regierung ein Ultimatum an die gefangenen Lehrer, aber nur drei lenkten ein. Als die 687 Lehrer in Viehwagen in ein anderes Konzentrationslager, etwa 200 Kilometer von Oslo entfernt, gebracht wurden, versammelten sich die Kinder auf den Bahnhöfen und sangen für sie bei der Durchfahrt des Zuges Lieder.
Im neuen Lager wurden sie bei minimaler Ernährung zu noch härterer Arbeit unter extremen Bedingungen und Schikanen gezwungen. Nach zwei Tagen wurden 76 der älteren Lehrer zwischen 55 und 59 Jahren von den Lagerbeamten befragt, aber keiner gab nach.
Nach Tagen weiterer Einschüchterungsmaßnahmen im Lager fragte die Lagerleitung jeden einzelnen der Lehrer, ob er einen Widerruf des Protestschreibens unterschreiben würde. Von 637 Lehrern widerriefen 32. Danach wurden die Demütigungen, Foltergymnastik und die Hungerrationen fortgesetzt. Auch streuten die Behörden drohende Gerüchte in die Öffentlichkeit, was mit den Lehrern bei weiterer Weigerung geschehen werde. Dennoch gaben die Frauen der Lehrer zu verstehen, dass sie ein Nachgeben ihrer Ehemänner nicht wünschten.

Erneut wurden die Lehrer weiter verfrachtet und in Kirkenes der Wehrmacht übergeben. Diese zwang sie zu pausenloser Schwerstarbeit im Hafen. Ein Lehrer starb durch die Strapazen.

Die Deportation der Lehrer nach Kirkenes verhärtete die Stimmung und den Widerstandswillen der übrigen Bevölkerung Norwegens. Als V. Quisling am 22. März mit einer Gruppe von Lehrern in einer kleinen Stadt sprach, erging er sich in Drohungen, Ausfällen und Wutausbrüchen. Er schloss mit den Worten: „Ihr Lehrer habt mir alles verdorben!“ und ließ sie verhaften. Am folgenden Tag begaben sich einige Lehrer, die bei der Unterredung nicht zugegen gewesen waren, zum Amtsgebäude und baten darum, mit den anderen gefangen gesetzt zu werden.

An den meisten Orten Norwegens ließ die Regierung die Schulen am 8. April wieder öffnen. Die nicht inhaftierten Lehrer, die sich an diesem Tag zum Dienst meldeten, erklärten öffentlich, dass sie der neuen Lehrerorganisation von Quisling nicht angehörten, und sprachen auch mit ihren Schülern über ihr Gewissen, vom Geiste der Wahrheit und von der Verantwortung, die sie trügen. Ein starkes Solidaritätsgefühl verband die gesamte Lehrerschaft.

Ende August wurden 50 erkrankte Lehrer nach Hause gesandt. Am 16. September kehrte eine zweite Gruppe von rund 100 Männern aus dem Lager zurück. Am 4. November folgten die übrigen etwa 400 Lehrer. Nach acht Monaten, in denen sie bei härtester Zwangsarbeit fest blieben, gestattete man ihnen, ihre Lehrtätigkeit auszuüben, ohne dass sie ihre Grundsätze widerrufen mussten.

Die Erfahrung dieser Mobilisierungsfähigkeit der Lehrer hielt V. Quisling von dem geplanten Versuch ab, als nächstes die norwegischen Gewerkschaften nationalsozialistisch gleichzuschalten. Denn er befürchtete für diesen Fall einen Generalstreik.

Über die Formen, die der gesamte Widerstand annahm, schrieb später Diderich Lund, einer der Führer, dass der wirtschaftliche Widerstand Norwegens völlig zusammenbrach, dass Sabotage nur in geringem Masse wirksam war, und dass die Geheimtätigkeit ebenfalls nicht so wirksam war wie die stolze, gerade Offenheit. Diejenigen, die in diesem Sinne Widerstand leisteten, wurden - so Lund – „von einem eigenartigen Glücksge¬fühl erfüllt, selbst unter harten und schweren Be-dingungen [... aus] unerschütterliche[r] Überzeugung, für eine gute Sache zu kämpfen“.

Quellen:
- Gregg, Richard B. (1982): Die Macht der Gewaltlosigkeit. mit einem Vorwort von Martin Luther King. Gladenbach: Hinder + Deelmann;
- Semelin, Jacques (1995): Ohne Waffen gegen Hitler. Eine Studie zum zivilen Widerstand in Europa. Frankfurt am Main: dipa;
- Internationaler Versöhnungsbund, Deutschschweizer Zweig (1994): Lichtblick als Souvenir. Erinnerungen an Bedrohungssituationen. St. Gallen. (Nonviolenz Nr. 3, September);
- 50 Berichte von gütekräftigem Handeln (unveröffentlichtes Manuskript)

Eingetragen am 15.09.2008 von Martin Arnold


Zurück Artikel Drucken nach Oben

Zurück zur Startseite

© 2002-2005 Arbeitsgruppe Gütekraft & Martin Arnold | Kontakt
Layout: Norbert Zingel | Netzweber: Dirk Grützmacher | Login