03.02.2008 | Gütekraftberichte
Bewaffneter Raubüberfall

Ira Sandperl war auf dem Heimweg von einem Meeting im Mission District von San Francisco, einem Stadtviertel, in dem die Mexikaner die Mehrheit stellen, deren Leben meist von Armut geprägt ist. Er hatte versucht, die Anwesenden dazu zu bewegen, sich selbst zu organisieren, um ihre Situation zu verbessern. Das Treffen war gut gelaufen; er hatte einige Menschen in Bewegung gebracht und am Schluss hatten sie sogar noch Geld gesammelt: Sechs Dollar waren zusammengekommen. Für die Menschen in diesem armen Viertel war das damals ein ganz ansehnlicher Geldbetrag. Den trug Ira Sandperl jetzt spät nachts glücklich in seiner Tasche mit nach Hause.

Plötzlich - in einer unbelebten Seitenstraße - steht vor ihm jemand, der eine Pistole auf ihn gerichtet hält und ihn auffordert:
"Gib mir all Dein Geld!"
Ira entgegnet ziemlich unbeirrt:
" Kann ich nicht. Ich habe nur sechs Dollar, und die muss ich für unser Projekt geben."
Und er beginnt sogleich, ein paar Worte hinzuzufügen, wofür das Geld bestimmt sei.
Der Straßenräuber unterbricht:
"Einen Dreck interessiert mich das. Los, gib mir jetzt endlich Dein Geld."
Darauf Ira:
"Ich mach dir einen Vorschlag: Ich geb’ dir die Hälfte."
Der Räuber: " Das hier ist keine Verhandlung, verdammt noch mal! Her damit, oder ich blas dich weg!!"
In diesem Augenblick fällt Ira Sandperl auf, dass der Mann, der ihn gerade bedroht, mager und hungrig aussieht. Ihm kommt plötzlich der Gedanke, dass der gewaltfreie Weg eine andere Herangehensweise verlangt - und damit gewissermaßen auch ein anderes "Drehbuch" in der Konfrontation mit diesem Menschen.

"Sag mal, wie lange hast du nichts mehr zu Essen gehabt?"
Sein Gegenüber antwortet jetzt:
"Ist etwa zwei Tage her."
Darauf Ira:
"Verdammt, ich kauf dir was zu essen. Komm schon, steh nicht rum. Wir gehn an der Ecke was essen."
Dabei macht Ira schon die ersten Schritte und gibt mit einer seinem Gegenüber zugewandten, auffordernden Bewegung zu verstehen, dass er darauf warte, mit ihm losgehen zu können, um dem Hunger des Fremden endlich Abhilfe schaffen zu können. Der Fremde geht tatsächlich mit und Ira spendiert ihm ein billiges Essen für 1,97 Dollar. (Zu dieser Zeit konnte man im ärmlichen Mission District für so wenig Geld noch ein richtiges Essen bekommen.)
Nachdem sein Gegenüber sich satt gegessen hatte, bietet Ira ihm 1,03 Dollar an. Der Fremde fragt:
"Was ist das?"
Ira:
"Das ist der Rest von deinem Geld. Ich habe dir angeboten, dass wir fifty-fifty teilen, und möchte zu meinem Wort stehen."
Der Fremde lehnt das Geld nun ab:
" Ich kann es nicht annehmen."

aus: 50 Berichte von gütekräftigem Handeln (unveröffentlichtes Manuskript)

Eingetragen am 03.02.2008 von Dirk Grutzmacher


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