03.02.2008 | Gütekraftberichte
Randale mit dem Beil

Mitten in der Nacht wurden wir von FreundInnen telefonisch zur Hilfe gerufen; eine Gruppe rechts orientierter Jugendlicher bedrohte sie und versuchte, in ihr Haus einzudringen. Als wir ankamen, konnten wir zunächst noch ganz gut mit ihnen reden und sie davon abhalten, das Haus zu betreten. Die meisten waren angetrunken, die beiden Wortführer waren stark betrunken. Sie kamen offensichtlich von einer Klassenfete und wollten jetzt eine alte Rechnung mit einem linken Jugendlichen, einem unserer Freunde, begleichen. Beim Versuch, von hinten in das Haus zu gelangen, fand einer der Wortführer im Holzschuppen ein Beil. Er brachte es mit auf die Straße vor dem Haus und schwang es in der Luft. Die Stimmung gefror; ich spürte nicht nur bei mir selber, sondern auch bei allen anderen eine große Angst, dass es zu Blutvergießen kommen könnte.

Ich ging auf den stark betrunkenen Jugendlichen mit dem Beil zu. Andere aus seiner Gruppe wollten mich zurückhalten, weil sie Angst um mich hatten. Nicht einmal sie trauten sich in dieser Situation, auf ihren Anführer beruhigend einzuwirken. Ich ging trotzdem zu ihm hin und sprach ihn ruhig an: "Das macht mir Angst, wenn du mit dem Beil herumläufst. Es macht auch den anderen Angst, und es könnte jemand aus Angst etwas Unbedachtes tun. Wer weiß, wo das hinführen kann. Ich möchte nicht, dass irgend jemand verletzt wird - weder du noch sonst jemand hier. Bitte tu das Beil weg."

Er sah mich zögernd an. Er redete nicht, ließ sich auf kein Gespräch ein. War es wegen seiner Alkoholisierung nicht möglich, zu ihm durchzudringen? Doch da nahm er das Beil und schleuderte es in hohem Bogen ins Gebüsch. Was er sich gedacht hat, was meine Worte genau in ihm ausgelöst haben, kann ich nicht sagen - seine Reaktion jedenfalls war deutlich und hat geholfen.

Ich war in dieser Situation ganz ruhig; die Angst war da, aber sie hat nicht mein Handeln bestimmt. Mir war klar: Das ist jetzt das einzig Mögliche. Auf ihn zu gehen. Erst im Nachhinein kam mir meine Angst so richtig zum Bewusstsein - am nächsten Abend, als ich mich fragte, ob die Jugendlichen wohl wiederkommen würden, und dabei spürte, wie viel Angst ich vor einer Wiederholung der Situation hatte.

Ulrike Laubenthal, Bergstr.1a, 36179 Bebra, 06627-915944
http://www.gewaltfreiheitstrainings.de

Eingetragen am 03.02.2008 von Dirk Grutzmacher


Zurück Artikel Drucken nach Oben

Zurück zur Startseite

© 2002-2005 Arbeitsgruppe Gütekraft & Martin Arnold | Kontakt
Layout: Norbert Zingel | Netzweber: Dirk Grützmacher | Login