03.02.2008 | Gütekraftberichte
Prag 1968 - Ein Beispiel für gütekräftiges Handeln ohne religiöse Motivation

Seit Januar 1968 hatten die in Prag regierenden Sozialisten versucht, in der Tschechoslowakei einen „Sozialismus mit menschlichem Gesicht”, d.h. Mit bürgerlichen Freiheiten, aufzubauen.
Am 21. August 1968 marschierten Panzertruppen aus der Sowjetunion, der DDR, aus Polen, Ungarn und Bulgarien in die Tschechoslowakei ein mit dem Ziel, diesen „Prager Frühling” zu beenden, die Regierung zu stürzen oder auf einen der sowjetischen Führung in Moskau genehmen Kurs zu bringen. Dagegen gab es gütekräftigen Widerstand, der, obwohl die Tschechoslowakei in einem halben Tag von Panzern durchquert werden kann, dazu führte, dass es den Truppen eine Woche lang nicht gelang, ihr Ziel zu erreichen.


Die Entscheidung, nicht mit eigenem Militär den einrückenden Truppen entgegen zu treten, wurde sehr bald gefällt. Der Widerstand, den das Volk leistete, wurde zu großen Teilen über das Radio angeleitet. Zunächst ging es um Zeitgewinn: Durch Sitzblockaden auf Straßen wurden die Panzer bei der Überquerung der Karpaten aufgehalten, auf dem Weg zur Hauptstadt wurden in Ortschaften die Schilder nach Prag verdreht, so dass Truppenteile im Kreis durchs Land fuhren oder sich plötzlich auf einem Holzweg im Wald wiederfanden. In Prag vermutete man, dass die wichtigsten Führer Svoboda, Dubcek und Smrkowski festgenommen werden sollten; zur Desorientierung der Truppen verdrehte man Straßenschilder oder übermalte Hausnummern mit weißer Farbe und an Tausenden von Wohnungsklingeln waren auf einmal diese Namen zu lesen. Im Untergrund wurden Ersatzsender aufgebaut, die aktiv wurden, als die Truppen die Sendestation erreicht und zum Schweigen gebracht hatten.
Am wichtigsten beim gütekräftigen Vorgehen ist der Kontakt mit dem Gegner: Die einmarschierenden Soldaten wurden wo immer möglich von der Bevölkerung in Gespräche verwickelt: „Was wollt ihr hier? Die meisten Soldaten wussten ihren Auftrag selbst nicht, anfangs nicht einmal, wohin sie geführt worden waren. Es wurde ihnen von dem neuen Sozialismus-Frühling begeistert erzählt, man diskutierte auf der Straße. Dies führte dazu, dass sich die Führung genötigt sah, nach zweieinhalb Tagen die Truppen auszuwechseln. Dies wiederum hatte zur Folge, dass umso mehr Menschen aus den Einmarsch-Ländern Authentisches über den Prager Frühling erfuhren, was ihnen die staatlich gelenkten Medien verschwiegen hatten.
Der Widerstand der Tschechoslowaken war erfolgreich, solange er aufrecht erhalten wurde. Nach einer Woche konnte sich Moskau durchsetzen, weil der Widerstand aufgegeben wurde. Dies kam so: Die drei Führer flogen „freiwillig „ nach Moskau. Dort wurden sie getrennt und durch psychische Druckmittel und Falschinformationen dazu gebracht, „zur Vermeidung massenhaften Blutvergießens” eine Erklärung zu unterschreiben, die sie sofort, als sie wieder nach Prag kamen, öffentlich verlasen mit der Aufforderung an das Volk, den Widerstand zu beenden. Der neue „Kompromiss”-Regierungschef Husak hörte auf Moskau, Stück für Stück schränkte er die neu gewonnene Freiheit wieder ein.

Autor: Martin Arnold

Eingetragen am 03.02.2008 von Dirk Grutzmacher


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