01.10.2011 | Gütekraftberichte
Die Revolution auf den Philippinen - Menschen gegen Panzer

1986 wurde auf den Philippinen der Diktator Marcos durch gütekräftiges Vorgehen („People Power“) dazu gebracht, das Land zu verlassen. Das Besondere und wohl historisch Erstmalige, das aber kaum bekannt wurde, ist: Es geschah aufgrund einer bewussten, mehr als ein Jahr vorher getroffenen Entscheidung der Oppositionspolitiker für die gütekräftige Vorgehensweise und die Aktiven bereiteten sich und ihr gütekräftiges Vorgehen intensiv persönlich und methodisch vor. In den Bewegungen und Organisationen für die Menschenrechte in Thailand und anderen Ländern Asiens sowie auf Madagaskar hat diese wichtige Erfahrung der Menschheit allerdings weitere Folgen gezeitigt.

Anfang der 1980er Jahre nahmen sowohl der wirtschaftliche Niedergang großer Teile des Volkes als auch die Unterdrückung durch das Marcos-Regime auf den Philippinen erschreckend zu. Weitaus die meisten Einwohner der großen Inseln gehören der katholischen Kirche an. Viele Priester und Ordensleute setzten sich für die Armen und gegen die Verarmung auch politisch ein. Viele Oppositionelle, auch viele GewerkschafterInnen und Studierende, wurden auf brutale Weise von der Polizei terrorisiert. Die teilweise im Untergrund, teilweise auch offen agierenden Kommunisten bekamen immer mehr Unterstützung und Zulauf und bewaffneten sich im Untergrund.
Benigno Aquino („Ninoy“) war einer der Hoffnungsträger des Volkes gegen Marcos. Eine langjährige Gefängnisstrafe durfte er durch einen krankheitsbedingten Aufenthalt in den USA unterbrechen. Dort entschied er sich für den Weg der Gütekraft, meist „non-violence“, später auch „Würde anbieten“ (Alay Dangal) genannt, und trotz der Warnungen von Marcos, er könne nicht für das Leben des Politikers garantieren, entschloss er sich, nach Manila zurückzukehren. Als er in Manila ankam, wurde er noch auf der Gangway erschossen. Das war 1983. Die Spannung steigerte sich, Bürgerkrieg lag in der Luft.
1984 folgte das Wiener Ehepaar Jean und Hildegard Goss-Mayr einem Hilferuf von Ordensleuten aus Manila. Sie fuhren zunächst durchs Land, um die Menschen und die Lage auf den Philippinen kennen zu lernen. Dann erläuterten sie in mehreren Begegnungen führenden Oppositionellen, Gewerkschaftsführern, Studierenden, auch Kirchenleuten und Menschen aus der bürgerlichen Opposition, darunter Ninoys Bruder Agapito („Butz“) Aquino, das gewaltfreie Kampfkonzept der Gütekraft und sagten ihnen, dass die Entscheidung dafür genauso den vollen Einsatz des Lebens fordere wie das Konzept der Gewalt. Sie erklärten ihre Bereitschaft, Schulungen und Seminare durchzuführen, sobald eine Entscheidung für die Gewaltfreiheit gefallen wäre, und reisten nach Wien zurück.
Nach wenigen Monaten kamen sie zurück und hielten Seminare für Multiplikatoren ab, darunter auch eins für 30 Bischöfe. Eine neue Organisation wurde gegründet, die auf breiter Ebene Schulungen und vielfältige andere Vorbereitungen ins Werk setzte. Die neue Zeitschrift „Würde anbieten” informierte und mobilisierte die breite Öffentlichkeit. Der Glaube spielte eine große Rolle: Die biblische Botschaft mit ihren vielen Befreiungsgeschichten (Exodus usw.) wurde als Impuls zur Befreiung neu entdeckt; religiöse Riten wurden neu mit Inhalt gefüllt und immer mehr auf die eigene Situation der Unterdrückung bezogen.
Als Marcos für den 7. Februar 1986 aufgrund außenpolitischen Druckes, vor allem seitens der USA, sehr kurzfristig Wahlen ansetzte, traf die Organisation NAMFREL mit Hochdruck Vorbereitungen für die Wahl: Verschiedene Szenarien der Regierung wurden durchgespielt von Stimmenkauf, Urnenklau und Wahlbetrug bis Ignorieren des Wahlergebnisses, und es wurden jeweils verschiedene Aktionsmöglichkeiten dagegen ausgearbeitet. In einer Zeltstadt in Manilas Innen-stadt-Park wurden permanent und massenhaft Schulungen angeboten und gütekräftige Haltung und Methoden, auch durch Fasten, eingeübt. Am Wahltag retteten viele Ordensfrauen Urnen vor Bewaffneten, die sie entwenden wollten, indem sie die Stimmzettelbehälter mit den Worten „Nur über meine Leiche!“ festhielten. Nach der Bekanntgabe eines falschen Wahlergebnisses wurde zum Boykott der Banken, die Marcos nahestanden, übergegangen usw. Marcos-Treue zerstörten den einzigen unabhängigen kirchlichen Sender Radio Veritas – worauf man vorbereitet war, sodass man nach kurzer Zeit weitersenden konnte –, Teile des Militärs begannen, sich von Marcos zu distanzieren, und verschanzten sich im Camp Aginaldo, Kardinal Sin rief die Bevölkerung auf, den Marcos abtrünnigen Soldaten Schutz zu bieten und Nahrung zu bringen, was sofort massenhaft geschah, an eine Kampfhubschrauber-Einheit erging der Marcos-Befehl, das Meuterer-Camp zurückzuerobern, die Soldaten dort bereiteten sich auf ihr Sterben vor, die Eroberer-Einheit aber solidarisierte sich. Dann rollten Panzer-Einheiten in Richtung auf das Camp zu, aber die Bevölkerung begab sich, von Kardinal Sin aufgerufen, massenhaft auf die Straße und stellte sich, angeführt von Nonnen und Priestern, Brote und Blumen anbietend, singend und mit dem Vater-Unser und dem Rosenkranz-Gebet auf den Lippen und z.T. mit Tränen in den Augen den Panzern entgegen, die Panzer stoppten, mit den Soldaten wurde gesprochen und sie fuhren nach Stunden zurück. Die Herrschaft des Diktators war zerfallen. Nach der Zusage der abtrünnigen Militärs, er könne den Palast unbehelligt verlassen, wurde er mit seiner Familie von Hubschraubern auf eine US-amerikanische Militärbase ausgeflogen.

Eingetragen am 01.10.2011 von Martin Arnold


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