16.03.2010 | Gütekraftberichte
Das Gewissen des Wachmannes

Die folgende Begebenheit ereignete sich in Deutschland während des Zweiten Weltkrieges in einem Gefangenenlager.

Das Leben der Gefangenen war hart. Sie hatten Hunger und litten unter der Kälte und den Anstrengungen der Zwangsarbeit. Abends kehrten sie in ihre Baracken zurück. Ein Wachmann erwartete sie, um mit ihnen seine Scherze zu treiben, die allerdings nur ihm allein Vergnügen bereiteten. Er zog den einen an der Nase und gab einem anderen einen Tritt in den Bauch. Jeder fragte sich, wer wohl heute an der Reihe sei.


Eines Abends aber kam einer der Gefangenen von selber zu ihm und sagte: „Da Sie jeden Tag jemand schlagen müssen, möchte ich Sie bitten, heute mit mir vorlieb zu nehmen.” „Nanu, kleines Französchen! Weil Du so frech bist, rate mal, wie oft ich Dir mit meiner Reitpeitsche auf den ...” „Es ist nicht meine Sache zu bestimmen, wieviele Schläge ich verdient habe. Ich überlasse das Ihrem Gewissen.” „Meinem Gewissen, meinem Gewissen? Ich habe kein Gewissen!” „Doch!”, sagte nach einer kleinen Pause der Gefangene. „Doch, Sie haben ein Gewissen. Ihr Zögern beweist, dass Sie ein Gewissen haben, denn Sie haben mich noch immer nicht geschlagen.” Und indem er sich anschickte weiterzugehen, fügte er noch hinzu: „Ich glaube sogar, dass Sie mich heute Abend nicht mehr schlagen werden.” Dann wandte er sich um und ging. Der andere starrte betroffen vor sich auf den Boden, blass, mit Tränen in den Augen und mit zitternden Lippen. Nie zuvor hatte jemand zu diesem Unglücklichen von seinem Gewissen gesprochen. Vielleicht war das die Ursache seiner Rohheit. Nach diesem Tag wurde kein Gefangener mehr von ihm geschlagen.

Lanza del Vasto
(Gründer der Arche in Südfrankreich)


Aus: Albert Schmelzer: Die Arche. Waldkirch, 1983, S.57f
(aus: Lanza del Vasto: Definitionen der Gewaltlosigkeit, S. 14f)

Eingetragen am 16.03.2010 von Dirk Grutzmacher


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