18.09.2008 | Gütekraftberichte
Helgoland 1950: Gütekräftige Invasion löst Rückgewinnungsprozess aus

Nach dem Zweiten Weltkrieg bombardiert das britische Militär weiterhin die deutsche Insel Helgoland. Die dortige Bevölkerung flieht. Die Briten benutzen das Gebiet völkerrechtswidrig als militärisches Übungsgelände. Dies wird öffentlich kritisiert. Die Briten ändern ihr Verhalten jedoch nicht.
Daraufhin fahren die Studenten Georg von Hatzfeld und René Leudesdorff, von M. K. Gandhi inspiriert, am 20. Dezember 1950 mit einem Fischerboot in Begleitung zweier Journalisten auf die Insel. Die Angekommenen werden vom Kapitän des britischen Wachbootes „Royal Eileen“ zum Verlassen der Insel aufgefordert, weil bald wieder bombardiert werden könne. Die Journalisten fahren zurück, die Studenten nicht. Das Boulevardblatt „Abendpost“ und „DIE ZEIT“ verbreiten - wie abgesprochen - die Nachricht sofort: „Friedlicher ‚Handstreich’ gegen die Insel Helgoland“.


Um den Ärger mit den Besetzern loszuwerden, bitten die Engländer auch staatliche Stellen in Deutschland um Hilfe. Doch sofort stützen andere durch geschicktes Nichtzusammenarbeiten den Widerstand. Die Wasserschutzpolizei Cuxhaven verweist darauf, dass Helgoland zu Schleswig-Holstein gehöre und sie daher nicht zuständig sei, der schleswig-holsteinische Innenminister „bedauert“, dass ihm keine Schiffe zur Verfügung stünden. Einem deutschen Kommandanten mit deutscher Mannschaft auf einem Schiff unter englischer Flagge wird befohlen, die Inselbesetzer abzuholen, doch mit der Begründung „Ich habe in Nürnberg gelernt, dass man Befehlen nur dann gehorchen soll, wenn man sie mit seinem Gewissen vereinbaren kann“ verweigert er den Gehorsam. (Die Androhung der Entlassung überzeugt weder ihn noch die Mannschaft. Im Militärgerichtsverfahren zunächst suspendiert, wird er später freigesprochen. - Mit „Nürnberg“ sind die Prozesse gemeint, die nach dem Zweiten Weltkrieg in dieser Stadt gegen die Hauptkriegsverbrecher und Verantwortliche des Deutschen Reichs zur Zeit des Nationalsozialismus geführt wurden.)

Zwei Tage später bringen Journalisten die Warnung vor einem Sturmtief, das die Verbindung zur Insel möglicherweise für Wochen in Frage stellen würde. Daraufhin verlassen die Studenten die Insel. Als sie am 27. Dezember mit Verstärkung heimlich zurückkehren, ist bereits ein Helgoländer dort, um die Aktion zu unterstützen. Andere folgen, auch aus dem Ausland, die Aktion gewinnt Fahrt: Glückwunschpost, Lebensmittel und Decken werden gebracht. Ein Landrat ruft die Bauern seines Landkreises auf, Lebensmittel für die nächste „Invasion“ zu spenden. Silvester feiern auf Helgoland 20 Personen.

Die Briten verbieten nun in einem Sondergesetz das Betreten der Insel. Am 3. Januar sollen die Invasoren von deutscher Polizei abgeholt werden. Um den Briten zu ermöglichen, das Gesicht zu wahren, entscheiden sich die Besetzer mehrheitlich, „sich der Gewalt zu beugen“, und ziehen „unter Protest“ ab. (– Dieses Motiv und dieses Handeln, die die legitimen Bedürfnisse der Gegner im Konflikt berücksichtigen, erweist die Aktionen als gütekräftig, obwohl die Motive vieler Aktiver nationalistisch sind. Andere ebenso Engagierte hoffen auf ein supranationales, manche auch auf ein sozialistisches Europa. –) Am Pier stellt sich die zum Abtransport der Inva-soren auf Helgoland gelandete Truppe der deutschen Polizei, für die Invasoren völlig überraschend, feierlich auf. Unter der wehenden Europaflagge danken die Polizisten der Gruppe: „Wir grüßen die tapfere Besatzung der Insel Helgoland! Wir danken ihr für ihren wochenlangen Einsatz im Interesse des Heimatrechts der Helgoländer und der Rückkehr des Felseneilands zum deutschen Vaterland in einem geeinten Europa.“ Die Medien berichten.

Die Bombardierungen werden jedoch fortgesetzt. Daraufhin gründen am 8. Februar 1951 Invasoren die „Aktion Helgoland e.V.“ Am 13. Februar richtet der Deutsche Bundestag die Bitte an das britische Unterhaus, „einen Ölzweig des Friedens nach Deutschland“ zu reichen: „Bomben auf Helgoland sind Bomben auf deutsches Land und das deutsche Volk“. Am 21. Februar entscheidet der Verteidigungsausschuss des britischen Kabinetts, Helgoland als Bombenziel aufzugeben. Der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer und der britische Premierminister Clement Attlee besiegeln die Erklärung fünf Tage später. Nach einem weiteren Jahr mit Bombardierungen und Besetzungen wird Helgoland ab dem 1. März 1952 offiziell der deutschen Verwaltung überlassen.

Fazit: Orientiert an Gandhi, verbinden zwei Inselbesetzer persönlichen Einsatz mit geschickter Öffentlichkeitsarbeit, und viele andere schließen sich an. Sie lösen einen Prozess aus, der die Gegner unter Wahrung ihres Gesichts auf den Weg bringt, das Recht wieder herzustellen.

Quellen:
1. Leudesdorff, René (1987): Wir befreiten Helgoland. Husum.
2. Szezinowski, Herbert (1985): Friedenskampf um Helgoland. Frankfurt am Main
3. Heidelberger Profile: "Indianerspiel" auf der Insel. Zwei Heidelberger Studis übten 1950 passiven Widerstand. [darin Bericht von Interview mit Hatzfeld]. ruprecht Nr. 49 (= <a href="http://www.ruprecht.uni-hd.de/ausgaben/49/ru04.htm" target="_blank">http://www.ruprecht.uni-hd.de/ausgaben/49/ru04.htm</a>)
4. Eva Quitt: Zwei Heidelberger Studenten erobern nicht nur Helgoland, sondern auch die Herzen der deutschen Bevölkerung. In einem historischen Krimi besetzen die jungen Menschen die Insel und ebnen so den Weg für eine Aussöhnung zwischen Deutschland und England. in: Mannheimer Morgen vom 20.12.2001
5. Karsten Plog: Kleine Heimat im Meer: Vor fünfzig Jahren konnten die Helgoländer zurück auf ihre Insel, die den Briten als Bombenziel gedient hatte. in: Frankfurter Rundschau 27.02.2002
6. weitere Medienberichte; persönliche Berichte von "Helgoland-Besetzer" Hans Rondi, Essen

Eingetragen am 18.09.2008 von Martin Arnold


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